Eines Montag morgens, war plötzlich dieses Vogelnest in meiner täglichen Raucherecke zu finden. Da war ein Vögelchen übers Wochenende mächtig fleißig. Seltsamerweise aber war noch nie ein Vogel in diesem Nest zu sehen und auch kein einziges Ei wurde bisher darin gelegt. Doch warum ließ der Vogel sein Nest zu einem Waisending werden?

Langsam schlug Marina die Augen auf, als sie aus Ihrer chloroforminduzierten Ohnmacht erwachte. In ihrem Körper schmerzte jeder einzelne Knochen und ihr war kalt. Er hatte sie an einem heißen Sommertag erwischt, weshalb sie nur eine kurze Hose und ein Top trug. Doch das schmale Stück Himmel, das Marina durch die kleine Fensterluke des bröckelig verputzen Raumes sehen konnte, war jetzt grau und düster, und sie fror bitterlich. Sie hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Es war unmöglich zu sagen, wie lange sie schon hier gelegen hatte und wo sie überhaupt war. Noch war sie vom Chloroform zu benebelt, als dass sie auch nur einen klaren Gedanken hätte fassen, geschweige denn begreifen können.

Die schwere Kette, die Marinas Fuß an die Wand fesselte, ließ ihr genug Spiel sich aufzusetzen. Sie zog die Knie ganz nah an sich heran und schlang die Arme um ihren Körper. Ihren Versuch sich warm zu reiben, unterbrach sie abrupt, als ihr unvermittelt Tränen des Schmerzes in die Augen schossen. Mit ihrem Fingerring war sie an einer Wunde ihrer Schulter hängen geblieben, die sie erst jetzt bemerkte und die sofort wieder zu bluten begann. Nun erkannte sie im diffusen Licht unzählige kleine und größere Wunden, sowie blau, grün und dunkelrot verfärbte Hämatome an ihren nackten Armen und Beinen. Wer auch immer sie hierher gebracht hatte, er hatte es mit roher Gewalt getan. Jetzt, da ihr das bewusst wurde, stieg die erste Welle von Panik in ihr auf. Sie wollte schreien, aber aus ihrer Kehle kam kein Laut.

Marina war sein drittes Opfer. Er hatte den Raum bewusst nicht abgedunkelt, denn  sie sollte ihre Wunden sehen können, sobald sie erwachte. Vor allem aber, sollte das schwache Licht die Hoffnung in ihr wecken, dass irgendjemand sie finden, oder dass sie sogar selbst entkommen könnte. Natürlich war klar, dass nichts davon passieren würde.
Er selbst hatte ihr Gefängnis gemauert, in der abgeschiedensten Gegend weit und breit. Er hatte es mit einer schweren Stahltür versehen und das kleine eng vergitterte Fenster lag so hoch oben, dass Marina es niemals würde erreichen können. Möglichkeiten zu entkommen gab es also nicht, und niemand würde sich in diese Gegend verirren und ihr helfen können. Und falls doch, würde Marina sich nicht bemerkbar machen können.

Als sich die Tür zu ihrem Gefängnis öffnete, keimte in Marina kurz die Hoffnung auf Freiheit auf, obwohl sie innerlich wusste, dass ihr dieser Wunsch verwehrt bleiben würde. Während er sich scheinbar völlig ruhig auf sie zu bewegte, überlegte sie, wie sie ihn überwältigen könnte, aber das wilde Kratzen und Umsichschlagen blieb wirkungslos. Ihre wilde Panik wich lähmender Todesangst, als sie die Spritze in seiner Hand erkannte. Gewaltsam drückte er sie auf den Boden, fixierte mit einer Hand ihre Hände über ihrem Kopf, während er ihr mit der freien Hand die Nadelspitze in ihren Hals rammte und abdrückte. Dann ging er. Dreißig Minuten lag sie regungslos auf dem Boden und wartete auf den Tod. Doch sie starb nicht. Er hatte ihr ein Nervengift gespritzt, das ihre Stimmbänder lähmte. Auf diese Weise machte er ihr einen Schrei, ein sich bemerkbar machen, unmöglich.

In den folgenden drei Tagen kam er jeden Morgen und jeden Abend, um ihr weitere Spritzen zu verabreichen. Er musste die Dosis jeweils niedrig halten, damit sie sie nicht umbrachte, wodurch weitere Spritzen notwendig wurden, um ein Nachlassen der Wirkung zu verhindern. Doch in der übrigen Zeit ließ er sie allein, was die beabsichtigte Wirkung zeigte. Als ihr nach der ersten Spritze klar wurde, was mit ihr geschah, hatte sie all ihre Kräfte mobilisiert, um ihre Fußfessel zu lösen. Sie hatte tonlos aus Leibeskräften geschrien. Sie hatte um sich geschlagen, versucht das Fenster zu erreichen, oder ein Loch in den lehmigen Fußboden zu scharren. Keine ihrer Bemühungen war von Erfolg gekrönt. Am Nachmittag des zweiten Tages ließen ihre Kräfte nach. Es gab nichts zu Essen, nur eine Flasche Mineralwasser, deren Inhalt sie nur in sparsamen Schlucken zu sich nahm. Den Gedanken, die Flasche zu zerbrechen und sich irgendwie mit den Scherben zu befreien, oder ihn damit zu verletzen, verwarf sie relativ schnell. Selbst wenn sie ihn hätte umbringen können, wie wäre sie dann ihrem Gefängnis entkommen?

Am Nachmittag des dritten Tages, war Marina seelisch und körperlich gebrochen. Ihre Fingernägel waren abgebrochen und teils blutig, denn sie hatte im Wahn versucht, ein Loch in die Wand zu kratzen. Doch dass er ihr die Stimme geraubt hatte, sie ihrer Angst und ihrer Verzweiflung keinen Ausdruck mehr verleihen konnte, hatte ihr am meisten zugesetzt. Und dann natürlich die Frage nach dem Warum, die sie nicht zu stellen in der Lage war. Wann würde das enden? Was hatte er vor? Und warum sprach er nie ein Wort zu ihr? Er drohte ihr nicht einmal. Zumindest nicht verbal. Seine massige körperliche Erscheinung war Drohung genug.

Am Abend näherte er sich ihr ein letztes Mal. Er fand sie völlig apathisch an die Wand gekauert vor. Ihr letzter Wunsch war ein Schrei, als sie erkannte, dass er diesmal ohne Spritze kam. Halbherzig versuchte sie ihn wegzustoßen und zu treten, aber es reichte nicht mehr. Er verzog keine Miene, als er ihr die Kehle auf schnitt.
Ihm war klar, dass die Kripo ihm nach dem Fund sowohl Marinas Leiche, als auch alle folgenden würde zuordnen können. Doch das stellte für ihn keinen Grund dar, von seinem Modus Operandi abzuweichen. Er wartete bis sie tot war, dann wusch er fein säuberlich das Blut von ihrem Hals. Im Schutz der Nacht fuhr er mit ihr zu einem fünfzig Kilometer entfernten Spargelfeld. Dort legte Marina sie auf den Rücken, winkelte ihre Arme an und fixierte diese unter ihrem Körper. Zu guter Letzt breitete er die Flügel des Vogels aus, den er am Nachmittag getötet hatte und legte ihn auf ihren Hals, so dass seine Flügel ihre klaffende Halswunde verdeckten. Erst einen Tag zuvor hatte der Vogel sich ein Nest gebaut.

Seit Februar komme ich täglich an diesem Waisending vorbei, das als Ideengeber für dieses Projekt diente.
Angekettet an einen Baum, scheint es seit Monaten nicht mehr bewegt worden zu sein. Dennoch sieht es kaum verwittert oder beschädigt aus. Das Gras rundherum wird täglich höher und bald wird man das Rad wohl kaum noch sehen können.
Der Baum an den es gekettet ist, steht an einer viel befahrenen Landstraße, doch zwischen ihm und dem nächsten Wohnhaus liegen ein paar Kilometer. Es ist also kaum davon auszugehen, dass dies der bewusst gewählte Parkplatz eines Besitzers ist, der es noch regelmäßig benutzt. Doch wie wurde das Rad ein Waisending?


Jeden Morgen war es das Gleiche. Ein schneller Kaffee und ein Toast auf der Hand, bevor er sich auf sein Rad setzte und die sieben Kilometer bis zum Hof der Heisers fuhr. Dort half er bei allen Arbeiten die anfielen. Er melkte die Kühe, half das Feld zu bestellen, mistete die Ställe aus, fütterte die Schweine, führte das Vieh auf die Weiden. Der Hof seines Vaters warf schon seit Jahren nichts mehr ab. Bis auf ein paar Hühner und dem alten Gaul, war von ihrem ehemals großen Gut nicht viel übrig geblieben. Sein Vater hatte es versäumt, frühzeitig Geld in moderne Maschinen zu investieren und so waren sie irgendwann von der Konkurrenz überrannt worden. Da er aber nie etwas anderes gelernt hatte, arbeitete er nun bei den Heisers und er hasste es. Er hatte es schon auf dem Hof seines Vaters gehasst. Das frühe Aufstehen, der Dreck, der Gestank und kaum mehr Gesellschaft, als die der Kühe.

Manchmal fuhr er abends in die Stadt, zu dem kleinen Bistro in dem er allein etwas aß, meist aber einfach nur ein, zwei Bier trank. Doch vor fünf Tagen war Sie plötzlich aufgetaucht. Die Brünette mit den rehbraunen Augen. Sie kämpfte sich vor bis zur Bar und musste sich dazu ganz nah an seinem Tisch vorbei schlängeln. In gebrochenem Deutsch erfragte sie den Weg zu irgendeinem Hotel. Als er ihr Lächeln sah, das sie dem Mann hinter der Theke zum Dank schenkte, war es um ihn geschehen. Sie ging ihm seit diesem Tag nicht mehr aus dem Kopf und das Wissen, dass er sie wohl nie wieder sehen würde, brachte seine Stimmung endgültig auf den Nullpunkt. Ihr Akzent klang ein wenig skandinavisch, aber was sollte ihm diese Vermutung bringen? Sollte er ganz Skandinavien nach ihr absuchen? Sein Leben würde weitergehen wie immer. Kühe, Schweine und Mist, tagein, tagaus.

So schwang er sich auch an diesem Tag wieder auf sein Rad und machte sich auf den Weg zu Heisers Hof. Doch etwas war heute anders. Mit jedem Pedaltritt pochte die Wut heftiger in seinem Bauch. Sie wurde so heftig, dass es schmerzte. Und je stärker die Wut auf sich und sein Leben wurde, desto entschlossener wurde er. Auf halber Strecke blieb er abrupt stehen. Er dachte nicht darüber nach, als er sein Rad an einen Baum kettete, sich an den Straßenrand stellte und den Daumen raus hielt. Er wusste selbst nicht, wohin das letztendlich führen sollte, aber das spielte auch keine Rolle. Er hatte sich entschieden.

Ungefähr fünfunddreißig Autos fuhren an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Aus der Ferne näherte sich ein blaues Auto. Als es näher kam, konnte er die schwedischen Kennzeichen erkennen. Er rechnete schon damit, dass es ebenfalls an ihm vorbei rasen würde. Doch das tat es nicht. Es hielt an und der Fahrer deutete von innen auf die Beifahrertür. Bevor er einstieg, warf er einen Blick auf den Fahrer. Es war die Brünette mit den rehbraunen Augen.

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